Würfelzucker für das Christkind ...

Hansi Hinterseer verbrachte seine Kindheit mit den Großeltern und seiner Tante auf der Seidllalm. Obwohl die Familie rund vierzig Stück Vieh und zehn Rösser besaß, lebte sie eher bescheiden und sah ihren größten Reichtum im familiären Miteinander und in der Natur.

Gerade die Alpenregion galt immer schon als Inbegriff der heilen Welt, in der auch der Weihnachtszauber in seiner urtümlichen Natürlichkeit in der staden Zeit dazu gehörte wie die langen Eiszapfen an der hölzernen Dachrinne und der funkelnde Schnee in den sternenklaren, bitterkalten Nächten. Es war so still in der weihnachtlichen Natur, dass der junge Hansi vermeinte, das Knirschen des Schnees unter seinen leichten Füßen viel intensiver wahrzunehmen, als sonst in der Winterzeit, die sich in den Tiroler Bergen oft über ein halbes Jahr lang erstreckte. Mitunter fiel bereits im Oktober der erste Schnee auf die beschauliche Alm. So auch am 8. Oktober 1963. Die Almleute trauten ihren Augen nicht, als sie frühmorgens aus den kleinen Fenstern ihrer Alm schauten. Viel zu früh und völlig unerwartet hatte sich der Herbst verabschiedet und der Winter die Almwiesen mit einer dicken Schneedecke verhüllt. Tags zuvor war das Wetter noch angenehm warm gewesen, der Himmel strahlend blau und ein prächtiger Herbsttag hatte zum Träumen eingeladen. Und über Nacht dann dieser Wetterumschwung. Niemand war darauf gefasst und in der Stube herrschte eine Umtriebigkeit, die es auf der sonst so beschaulichen Alm mit den geregelten Tagesabläufen im Rhythmus der Hoftiere und der Jahreszeiten selten gab. Doch diesmal galt die Sorge der Großeltern und der Tante dem „Hansibuam“, der schon seinen Schulranzen gepackt hatte, um sich auf den Weg ins Dorf hinunter zur Schule zu machen. „Der Bua geht bei diesem Schneesturm sicher nicht zu Fuß hinunter ins Tal“, entschied der Großvater. Und zum Skifahren war der frische Schnee noch keine sichere Unterlage. Zudem war auch der Lift natürlich noch nicht in Betrieb, der die Almkinder im Winter nach der Schule sicher zurück auf den Berg brachte. Und daher wunderte es niemand, dass an diesem Tag in der Schule einige Schemel frei blieben, denn wer konnte schon Frau Holle zur Rechenschaft ziehen, weil sie sich deutlich im Kalender geirrt und übereifrig mit dem Bettenschütteln begonnen hatte. So tüchtig sie in diesem Jahr 1963 war, so nachlässig war sie dann ein Jahr später, erinnert sich Hansi Hinterseer. „Bei den Olympischen Winterspielen in Innsbruck war vom großen Schnee keine Spur, den es auf der Stanglalm meist in Hülle und Fülle gegeben hat.“

Auf der eingeschneiten Alm blieb der kleine Hansi angesichts der weißen Pracht derweil nicht untätig. Früher als sonst dachte er in jenem Jahr an das Christkind.

In seiner Vorstellung war das Christkind mit einem Haufen Engerln in den verschneiten Bergen auf Schiern unterwegs, und er konnte direkt das glänzende goldene Haar im Wind flattern sehen. Denn am Heiligen Abend fand er als Fährte zum Christbaum stets ein paar am Boden verstreute Locken. „Für mi is des a schönes Kindl mit wunderbaren Haarn und an Haufn Engerln“ Dieses Bild aus seiner Kindheit hat sich Hansi bis heute im Herzen bewahrt.
 Für die Bergbauernfamilie gab es in diesem Jahr eine kostbare Neuerung, denn an diesem Weihnachtsfest gab es endlich den ersehnten Strom und Wasser auf der Alm. Über diesen, für die meisten so selbstverständlichen Alltagsluxus, waren die Menschen droben am Berg unendlich dankbar. Erleichterte es ihnen die alltäglichen Arbeiten in der Hütte und auf dem Hof doch ungemein und erhellte den Feierabend nach dem mühevollen Tagwerk. Ein schöneres Geschenk hätte man uns kaum machen könne. „Für Strom, und fließend Wasser waren wir sehr dankbar. Wir hatten große Freude!“, erinnert sich der Hansi rückblickend.

Bescheidenheit fand sich auch in den Briefen des Bergbauernbuben ans Christkind wieder. So wünschte sich Hansi in einem bunt bemalten Brief einen schönen Christbaum. Den Brief legte er aufs Brett vor einem Stubenfenster, damit das Christkind ihn gleich mitnehmen konnte. Aber weil das Christkind ja nicht gesehen werden wollte, suchte Hansi immer jenes Fenster aus, das am schönsten mit Eisblumen geschmückt war und so einen natürlichen Sichtschutz für das Christkind bot. Damit begann auch die spannende und quälende Zeit des Wartens, ob und wie schnell nun das Christkind Himmelspostbote spielen würde. Nach Tagen des sehnsuchtsvollen, vergeblichen Wartens war es mit der Geduld des Kleinen vorbei. „Briefe schreiben, dass tun alle Kinder auf dieser Welt“, überlegte er und griff zu einer List. „Dem Christkindl würden sicherlich Zuckerwürfel gut schmecken“, dachte er sich, weil er ja selber auch gerne naschte, „dann kommt es vielleicht schneller.“ Gedacht, getan, und so lag für das Christkind eine Hand voll Zuckerwürfel zum Wunschzettel bereit. Und um ganz sicher zu sein, schickte er gleich noch ein Stoßgebet hinterher. „Wir haben sogar zum Beten ang‘fangen, damit’s endlich passiert.“ Schließlich hat das Ganze auch funktioniert, denn kaum war der Würfelzucker aufs Fensterbrett gelegt, war das Brieferl auch schon weg. Ob das Christkind tatsächlich genascht hat oder womöglich ein vorwitziges Eichkatzerl so zu einem unverhofften vorweihnachtlichen Geschenk kam, das wird auf ewig ein Geheimnis bleiben.

Hansi liebte die Adventszeit, die dem Heiligen Abend vorausging und fieberte dem Weihnachtsfest entgegen. Dazu gehörte auch, dass Hansi mit seinem Großvater den Christbaum holen ging. Den Baum für das Christkind auszusuchen, mit Hilfe des Großvaters zu schlagen und ihn durch den tiefen Schnee stapfend nach Hause zu bringen, war für Hansi jedesmal aufs Neue ein Erlebnis. „Wenn da Großvata gsagt hat, kumm Bua, jetzt gehen ma raus und holn im Wald den Christbaum, dann san des Momente für mi gwesen, die i nie in mein Leben vergess.“

Und falls sie beim Christbaumholen eine Sternschnuppe sahen, so waren sie sich sicher, dass in dieser Sekunde das Christkind zustimmend auf seine irdischen Helfer herunterblinzelte.

In der Adventzeit gab’s aber auch allerhand kulinarische Weihnachtsvorbereitungen zu treffen. Die Stube wurde weihnachtlich hergerichtet, der Adventskranz aufgestellt. Unterm Jahr gab es sehr selten Fleisch zu essen, doch für das Weihnachtsfest wurde stets ein Schwein geschlachtet, um als Festtagsessen auf den Tisch zu kommen. Die Würstelsuppe war es, die Gusto auf die Feiertage machte, dazu der traditionelle Kaiserschmarren, der bis heute am weihnachtlichen Speiseplan der Familie Hinterseer steht.

Verging die Adventszeit noch wie im Flug, schien das Beten am Heiligen Abend für ihn besonders lang zu dauern, obwohl es am späten Nachmittag noch einigermaßen spannend war. Da begleitete er den Großvater in den Stadl, um die Stallungen zu räuchern. Der Duft des Weihrauchs und die zarten Rauchwolken, das Gebetsmurmeln verbreiteten eine festliche Stimmung und überlagerten den üblichen Stallgeruch. Hansi durfte dem Großvater helfen und die Pfanne tragen. In der anderen Hand hielt er ein Tannenreisig, mit dem er die Tiere mit Weihwasser besprengte. Während er das tat, horchte er mit einem Ohr auf den Gebetssingsang seines Großvaters und mit dem anderen auf die Laute der Tiere, denn vielleicht redeten sie in dieser hochheiligen Nacht miteinander, wie die Großmutter behauptete, die sich allerdings sicher war, dass die Tiere erst dann miteinander reden würden, wenn alle schon längst im Bett lagen. Dennoch spitzte er die Ohren und strengte sich an, aus dem kurzen Wiehern oder dem dumpfen Muhen vielleicht doch das eine oder andere deutliche Wort herauszuhören.

Immer schwerer wurde ihm dabei die Pfanne mit den glühenden Holzkohlen, auf die der heilbringende Weihrauch gestreut wurde. Doch dieser Segen musste ordentlich sein und deshalb sein Gewicht haben, sollte er doch das ganze Jahr über das erhoffte Glück für Feld und Hof bringen.

In der Stube wurde dann weitergebetet, und mit jeder Zeile wurde die Ungeduld des Buben größer und das Warten auf das Christkind erschien ihm mit jeder Stunde die verstrich länger. Jedes Mal wenn vor der Hütte das Knacken von Holz zu hören war oder der Boden in der Stube knarrte, schlug sein Herz schneller. Immer wieder starrte er durch das kleine Holzfenster auf den sternenklaren Himmel, um wenigstens einen kleinen Blick zu erhaschen, sollte das Christkind vorbeifliegen. „Als kleiner Hosnscheißer hob i auf jede Sternschnuppn gschaut und mit jedem Holzkracher vor der Hüttn is mei Herz schneller gangn“, erinnert er sich Hansi Hinterseer heute noch gern an jene Zeit.

Am Heiligabend schließlich war das Haus erfüllt vom Duft der Festspeise und vermengte sich mit dem Duft der Bienenwachskerzen, die den Christbaum erleuchteten. Bei seinem Anblick vergaß der bescheidene Bub im ersten Moment ganz auf die Gaben unterm Christbaum. Zu sehr war er davon angetan, dass das Christkind es wieder einmal geschafft hatte, den schönsten Christbaum der ganzen Welt mitten in die Stube zu stellen. „Es war jedes Gschenk wunderschön, weil es mit Liebe gmacht wurde und da war auch die Freud mit dem Brieferlschreibn, weil genau des, wos im Brief drinnengstandn ist, a erfüllt wurde.“

Als Hansi später selbst für seine Lieben Christkind spielte, waren Selbstgebasteltes und Dinge, die das Arbeiten auf der Alm erleichterten, gern genommene Geschenke. „Sehr gfreut hat sich mei Großvater über a Pfeifn, die i ihm als Christkindl gmocht hob. Mit der is er dann oft vor der Hüttn gsessen und hot si a bisserl wie a Almkaiser gfühlt.“

Einmal hat sich das Christkind mit einem Geschenk für den Hansi selbst übertrumpft, als es Schier unter den Christbaum legte. Es waren nicht irgendwelche Schier, es waren die besten Schier, die in dieser Heiligen Nacht überhaupt unterm Christbaum gelegen sind. Die ersten Kinderschi „White Star“, die nur wenige Tage vor Weihnachten frisch aus der Produktion gekommen waren. Dieser Kinderschi war 1,70 Meter lang und eigens für das junge Schitalent angefertigt worden. „I woar so stolz drauf. Ich denk heut noch oft dran, denn man vergisst leicht, was man hat und ma denkt ständig nur dran, was man noch haben könnte.“

Das unerwartete Geschenk vom Christkind dürfte auch die sportliche Karriere des späteren Schistars gefördert haben, das Talent dazu hatte er vom Vater in die Wiege gelegt bekommen.

Jahre später, als Hansi Hinterseer seine Wünsche schon lang nicht mehr als Brieferl ans Christkind auf der Seidllalm den Sternschnuppen hinterherschickte, hatte er als Profischifahrer in den Tagen vor Weihnachten in Amerika zu tun. Die Schirennen waren so geplant, dass ein Rückflug vor dem Heiligen Abend noch möglich gewesen wäre. Doch der damalige Sponsor überredete den österreichischen Schistar, die Weihnachtsfeiertage doch ausnahmsweise in Los Angeles in einem erstklassigen Hotel zu verbringen. Zudem versicherten die amerikanischen Kollegen, dass es nichts Schöneres auf der Welt geben könne, als unter der Sonne Kaliforniens Weihnachten zu feiern. Hansi überlegte nicht lang, denn dieses Angebot kommt kein zweites Mal. Eine Entscheidung, die er kurz darauf bitter bereuen sollte. Am Morgen des Heiligen Abends schien die Welt noch in Ordnung, doch bereits der Blick hinaus auf das Meer und der singenden Santa Claus vorm Hotel waren irritierend. Der Hoteleingang war links und rechts von Palmen flankiert, darunter gab es vier Plastikchristbäume, die mit Kunstschnee besprüht waren. „Daneben is a Nikolaus gstanden, der immer Jingle Bells gsungen hat“, erinnert sich Hansi Hinterseer. „Da hab i plötzlich narrisches Heimweh kriegt. Da hab ich mich so mutterseelen alleinig gfühlt und da hat mir das Nobelhotel samt Beverly Hills den Buckel hinunterrutschen können.“

Statt an den Pool zu gehen, ging Hansi wieder in sein Zimmer, um seinen Lieben zu Hause ein schönes Weihnachtsfest zu wünschen. „Nachdem ich Frohe Weihnachten gewünscht habe, wollte ich nun wissen, wie‘ denn zu Haus auf der Alm ausschaut … “In der Nacht zuvor hatte es auf der Stanglalm zu schneien begonnen und man musste Hansi nicht erklären, dass sich die Berge, Wiesen und Wälder nun wie auf den schönsten Weihnachtskarten präsentierten. In diesem Moment begann sich in seinem Innersten ein Gefühl breit zu machen, das ihm bislang erspart geblieben war. Die Sehnsucht nach den verschneiten Bergen im heimatlichen Tirol nagte an seinem Herzen.  „Ich bin zwischen Hotelzimmer und Pool herumgekugelt, doch mit den Gedanken war ich immer zu Hause. Ich hob immer wieder auf die Uhr gschaut und mir vorgestellt, was di genau jetzt in der Hütten machen.“ Je länger der Heilige Abend dauerte, umso mehr wuchs das Heimweh. Seitdem hat er jedes Weihnachtsfest in seinen heimatlichen Bergen gefeiert. Ab Mitte Dezember genießt er im Advent ganz bewusst die stade Zeit. „Da bin ich nach Möglichkeit daheim und stell mich mit meiner Romana und unseren beiden Töchtern auf Weihnachten ein. Lern vom Winter, wenn es draußen ruhiger wird und die Tage kürzer werden. Wenn die stade Zeit auch auf die Seele des Menschen wirkt, dann erlebt man Weihnachten ganz anders. Das ist noch aus der Kindheit in mir drinnen, wie ich am Berg mit der Natur aufgewachsen bin. Ich möchte nichts davon missen und wenn man zu sich selber ehrlich ist, dann trägt jeder von uns in sich schöne Erinnerungen an das Christkind.“

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